Ankerpunkte

Als Ankerpunkte bezeichne ich die zentralen Wesensmerkmale der Schule des Werdens. Es gibt derzeit sieben davon. Einer (Nr. 4 in der Aufzählung) ist bereits in der Umsetzung.Schnappfisch-3357-300x119

  1. Achtsamkeit als Grundhaltung der Begegnung:
    Achtsamkeit ist mehr als Beobachten. Beobachten ist jedoch die Quelle der Achtsamkeit. Beobachten mit allen Sinnen und akzeptieren des Beobachteten (und damit dem Anderen). Erweitern seiner Wahrnehmung durch offene Begegnung. Nutzung seiner Erfahrungen durch Verständnis der Wirkungskreisläufe und damit Voraussetzung für nachhaltiges Handeln.

    „Du kannst vor dem davonlaufen was hinter dir her ist, aber was in dir ist, das holt dich ein.“ (Afrikanisches Sprichwort)

    Achtsamkeit hört daher nicht bei den sozialen Aspekten des Miteinanders auf, sondern bindet alles Leben, alles Sein mit ein. Bei der Nutzung von (begrenzten) Ressourcen ist der Ansatz der Achtsamkeit daher genau so tragend und mit der Frage verbunden, wie ich die Ressourcen einsetzen kann und dessen „Abfälle“ wieder Nutzungskreisläufen zuführen kann, ganz im Sinne von cradle2cradle.

  2. Wirkungsfelder zwischen Ordnung und Unordnung:
    Das Leben hält beides vor, Ordnung wie auch Unordnung. Dieses Spannungsfeld ist Teil der Pädagogik einer Schule-des-Werdens.

    „Man muss die Welt nicht unbedingt verstehen. Wichtiger ist, ihr gewachsen zu sein.“ (Oswald Spengler)

    Am Anfang der Woche werden gemeinsame Aktivitäten geplant. In täglich stattfindenden Besprechungen können diese Planungen wiederum verworfen oder detailliert werden. Die Kinder können so (indirekt) lernen, was Verlässlichkeit ist und wie mit (kurzfristigen) Änderungen umgegangen wird.

  3. Handwerk sichtbar machen:
    Ein wichtiger Bestandteil des pädagogischen Konzepts der Schule-des-Werdens ist die Angliederung von kleinen handwerklichen Berufen in räumlicher Nähe. Es wird angestrebt, dass z.B. ein Fahrrad-Reparatur-Geschäft, eine Schreinerei etc. in unmittelbarer Nähe angesiedelt ist (Campus-Gedanke), bei dem die Kinder eine direkte Möglichkeit haben, das Handwerk zu er-leben.

    „Leben ist, was wir daraus machen.“ (Henry Miller)

    Dieser Teil des Konzepts findet seine Tiefe in der Sekundarstufe. Die Grundlagen dafür werden aber bereits früh gelegt, so kann z.B. ein Bauwagen bereits in der Grundschule den Umgang mit den Werkzeugen vermitteln.
    Ein weiteres Ziel dieser Kooperation mit dem Handwerk ist es, kleineren Betrieben eine Möglichkeit zu geben in einem Biotop-des-Handwerks Nischen zu finden, um z.B. wieder Reparaturen zu ermöglichen, um so der zunehmenden Obsoleszenz entgegenzuwirken. Schule rückt so in den Mittelpunkt des städtischen Lebens.

  4. Natur erleben und soziales Engagement fördern:
    Aufbauend auf dem Handwerk hat der Umgang mit Boden eine besondere Bedeutung, da aus dem Boden neues Leben erwächst. Freiflächen in unmittelbarer Umgebung sollen – in Kooperation mit der Stadt – zu Anbauflächen für Obst und Gemüse werden. Diese Initiative soll Teil der essbaren Stadt dem Beispiel von Andernach folgen.

    „Die wahre Lebenskunst besteht darin, im alltäglichen das Wunderbare zu sehen.“ (Pearl S. Buck)

    Darüber hinaus wird die Schule-des-Werdens auch in der Bevölkerung wahr genommen, da diese öffentlichen „Anbauflächen“ zur Pflege und Ernte jedem aus der Bevölkerung bereit steht. Kontakte mit Bürgern und Bürgerinnen sind so nur eine Frage der Zeit, da die Begegnungsfläche den passenden Raum bietet!

  5. Verantwortung übernehmen, eigenes Handeln reflektieren:
    Die Kinder werden bereits früh ermutigt, spielerisch Verantwortung zu übernehmen und ihr eigenes Handeln zu reflektieren um aus Fehlern lernen zu können und nicht mit vorgefertigten Lösungen „jonglieren“ zu müssen.

    „Erfolg ist nicht endgültig. Misserfolg ist nicht fatal; was zählt ist der Mut weiterzumachen.“ (Winston Churchill)

    Die zuvor genannten Ankerpunkte bieten hier bereits vielfältige Möglichkeiten. Der Umfang des Handelns wächst dabei stetig und soll in der Sekundarstufe so weit gehen, dass von der Planung über die Realisierung und den Verkauf alle Stationen einfließen. So könnten z.B. in der Werkstatt gemeinsam Produkte geplant und erstellt werden, welche auf dem Wochenmarkt verkauft werden. Das Marketing, die Organisation der Herstellung und des Verkaufs, sowie die Reinvestierung des Erlöses ist ebenso Teil der Aktivität, wie die Einbindung der Gemeinschaft (Kinder, Begleiter, Eltern und Bürger/innen).

  6. Einbindung der Gesellschaft:
    Die Schule-des-Werdens soll kein isolierter Ort sein, der keinen Zugang zur Außenwelt hat. Der geschützte Raum der Schule-des-Werdens wird durch Integration von Kindern anderer Nationen genau so erweitert, wie durch Inklusion. Die angebundenen Handwerksbetriebe können darüber hinaus Resozialisierungsprogramme anbieten und so einen weiteren Aspekt des gesellschaftlichen Zusammenwachsens tragen.

    „Wo ein Begeisterter steht, ist der Gipfel der Welt.“ (Joseph von Eichendorff)

    Durch die Einbindung der Eltern in das pädagogische Konzept in Form regelmäßiger Elternabende im Monatsturnus und im Rahmen von weiteren Aktionen wird das Wachsen der Kinder erlebbar und innerhalb der Familienstruktur fortgeführt. Neben konkreter Materialvorstellung können die Eltern so schrittweise die pädagogische Haltung erfahren und diese – im Sinne eines Multiplikatoreffekts – auch selbst anwenden.
    Durch die Aktionen (essbare Stadt, Verkauf der Eigenerzeugnisse, Angliederung der Handwerksbetriebe) ist eine direkte Begegnung mit den Menschen der Stadt möglich. Dieser Austausch ist ein wesentlicher Bestandteil des pädagogischen Konzepts.

  7. Lebendige Prozesse des Wachsens:
    Die Ankerpunkte stellen Leuchttürme zur Orientierung dar. Die inhaltliche Ausgestaltung muss sich stets an die Gegebenheiten – und damit am jetzt und hier – orientieren.

    „Das Gestern ist Geschichte, das Morgen ist ein Rätsel, aber das Heute ist ein Geschenk.“ (Alice Morse Earle)

    Gleichwohl, darf und muss Bildung auch in die Zukunft wirken. Damit dies geschehen kann, sind lebendige Prozesse notwendig, welche die Wechselwirkungen der Gesellschaft und Zeit berücksichtigt. Daher ist das pädagogische Konzept eine Momentaufnahme und die konkreten Aktivitäten nur Handlungsempfehlungen, welche stets mit offenen Sinnen erweitert, modifiziert oder ersetzt werden.